Historische Kulturlandschaft

Bild: Martin Muth

Kulturlandschaft entsteht

Nur wenige Landschaften in Mitteleuropa sind vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Naturlandschaften. Abgesehen von Gebieten oberhalb der Waldgrenze, Mooren und wenigen extrem steilen und felsigen Gebieten würden von Natur aus fast flächendeckend Wälder Mitteleuropa bedecken.

Der Mensch kommt

Durch Rodungen und die anschließende extensive Acker- und Grünlandwirtschaft schuf der Mensch eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft, die neue Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten bildete.

Erstmals veränderten ab etwa 600 n. Chr. die Alemannen die Oberallgäuer Landschaft durch Rodungen, Ackerbau und Viehwirtschaft. Im 12. Jahrhundert stieg die Bevölkerungsdichte im Iller- und Ostrachtal so stark an, dass erste Bauern ihr Vieh auch im bis dahin lediglich als Jagdgrund genutzten Tannheimer Tal sömmerten. Die Naturlandschaft wurde zur Kulturlandschaft!

Bild: Sybille Hoffmann
Der Eingang zu einem Bergwerksstollen am Grünten zeugt vom ehemaligen Eisenerzabbau.

Ruhrgebiet am Grünten

Am Grünten und im Ostrachtal wurden ab dem 16. Jahrhundert Eisenerze abgebaut. Für deren Verhüttung waren große Mengen an Holzkohle erforderlich. Die Köhlerei, die Harznutzung durch die Pechler und die Entrindung durch Gerber und Färber führten in der Zeit zwischen 16. und 19. Jahrhundert zu einer großflächigen Vernichtung der Wälder im Ostrachtal und um Sonthofen.

Jagd und Wald

Hohe Wildbestände gewährleisteten eine erfolgreiche Jagd für die Landesherren - und veränderten die Zusammensetzung der Wälder: Das Wild fraß auf den gerodeten Flächen bevorzugt nachwachsende zarte Tannen und junge Laubbäume - und verschmähte, wo immer möglich die "stachelige" Fichte. Manche unserer heutigen Fichtenwälder haben hier ihren Ursprung.

Vom "blauen" zum grünen Allgäu

Ackerbau und Flachs

Bis in das 19. Jahrhundert war der Ackerbau im Allgäu und Tannheimer Tal trotz des feucht-kühlen Klimas sehr bedeutsam. Hafer, Gerste und etwas Roggen sowie Kartoffeln wurden zur Selbstversorgung angebaut, während mit Anbau und Verarbeitung von Flachs Geld verdient wurde. Wegen der blauen Blüte des Flachs sprach man vom "blauen Allgäu", wenngleich auch damals bereits die Grüntöne der ortsfernen Wald- und Weideflächen überwogen.

Bild: Erika Groth-Schmachtenberger
Flachsverarbeitung in Tannheim 1936
Bild: Alfons Kleinert
Ackerwirtschaft um Tannheim im Jahre 1862. Aquarell von Wendelini Ambrosi, Kooperator in Tannheim

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Bild: Markus Pingold

Boom der Milchwirtschaft

Im Jahr 1827 führte der Schweizer Senn Johann Althaus im Allgäu die Emmentalerkäserei ein, wenig später brachte Karl Hirnbein den Limburgerkäse ins Allgäu. Der "Boom" der Milchwirtschaft verstärkte den Niedergang des Flachsanbaus, dem industriell produzierte Baumwolle ab 1830 Konkurrenz machte. Die Region erlebte einen tiefgreifenden Wandel, die Produktion von Milch und Käse wurden zum Haupterwerbszweig. Nach 1850 kam die Güllewirtschaft auf, die bis zur Versechsfachung der Erträge geführt haben soll. Zahlreiche Wälder wurden für neue Alp- und Grünlandflächen und zur Deckung des Brennholzbedarfs für die Käseproduktion gerodet.

Zeugnisse vergangener Zeiten

Die vielfältige Allgäuer und Tannheimer Kulturlandschaft mit ihrem charakteristischen Wechsel zwischen Wald und artenreichen Bergwiesen und -weiden ist das Ergebnis arbeitsintensiver Nutzungsformen. Wo Bergbauern bis heute Berg- oder Streuwiesen mähen, Magerweiden bewirtschaften oder Streuobstbäume pflegen, erhalten sie die landschaftliche Schönheit und wertvolle Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten. Vielerorts sind zudem noch Spuren längst vergangener Nutzungen in der Landschaft zu erkennen.

Im folgenden finden Sie zu einigen typischen traditionellen Elementen der Allgäuer Kulturlandschaft jeweils kurze Beschreibungen sowie links zu Bildern und Beschreibungen ausgewählter ökologisch, landschaftsästhetisch oder kulturhistorisch besonders wertvoller Einzelbeispiele.

Bild: Erika Groth-Schmachtenberger
Heutransport oberhalb des Traualpsees anno 1934.

Bergmähder

Der Bedarf an Viehfutter war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so groß, dass selbst extrem steile, teils nur mit Steigeisen begehbare Bergmähder bewirtschaftet wurden. Vielerorts waren die Bergmähder in Gemeinschaftsbesitz. Ihre aufwändige und gefährliche Bewirtschaftung wurde beispielsweise in Tannheim im Abstand von ein bis zwei Jahren öffentlich versteigert. Letzte Bergmähder in Extremlagen wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts bewirtschaftet.

Doch auch die heute noch bewirtschafteten Bergmähder weniger extremer Lagen bilden Perlen der Kulturlandschaft. Die hier wachsenden nährstoffarmen Goldhaferwiesen und Magerrasen gehören zu den arten- und blumenreichsten Lebensräumen. Von solchen Wiesen profitiert auch der Tourismus. Oft ist ihre Bewirtschaftung arbeitsintensiv, die mengenmäßigen landwirtschaftlichen Erträge hingegen gering. Dementsprechend sind Bergmähder von Nutzungsaufgabe bedroht.

Bild: Markus Pingold
Buckelwiese im Hintersteiner Tal.
Buckelwiesen bieten durch den kleinflächigen Wechsel zwischen trockenen, nährstoffarmen Standorten auf den Buckeln und feuchteren Standorten in den Mulden Lebensraum für besonders viele Tier- und Pflanzenarten. Sie sind jedoch nicht maschinell zu bewirtschaften und werden daher nur noch selten gemäht.

Beispiele aus dem oberen Allgäu:

Bild: Sonja Karnath
Streuwiese im Strausbergmoos bei Sonthofen.

Moore und Feuchtwiesen

Moore bilden auf der Feuchtigkeitsskala das andere Extrem zu den Magerrasen. Hier wird die landwirtschaftliche Bewirtschaftung durch Nässe erschwert, die einerseits die maschinelle Befahrbarkeit der Flächen einschränkt, andererseits zu geringeren landwirtschaftlichen Erträgen führt. Viele Feuchtgebiete wurden deshalb entwässert und verloren so ihren Charakter. Feuchtwiesen und Moore gehören jedoch zu den besonders wertvollen Lebensräumen und erhöhen die landschaftliche Vielfalt gerade in den sonst oft intensiv bewirtschafteten Talböden.

Streuwiesen sind nasse Wiesen, die einmal spät im Jahr gemäht werden. Früher wurde das schwer verdauliche und daher nicht als Futter geeignete Mahdgut als Einstreu für die Ställe genutzt. In der modernen Landwirtschaft wird die Einstreu kaum noch benötigt - viele Streuwiesen fallen daher brach.

Beispiele aus dem oberen Allgäu:

Extensive Weiden

In den Talböden bleibt immer mehr Vieh ganzjährig arbeitssparend im Stall, während die verbleibenden Weiden oft so intensiv gedüngt werden, dass nur noch wenige Kräuter aufkommen können. Zumindest im Allgäu nimmt seit Jahrzehnten die Zahl der bewirtschafteten Alpen zu! Allerdings meiden die zunehmend schweren und weniger geländegängigen Viehrassen steilere Weiden, auf denen dann Adlerfarn oder Büsche aufkommen. Dennoch prägt die Alpwirtschaft das Landschaftsbild in den oberen Höhenstufen des Allgäu bis zur Waldgrenze und schafft eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft mit einem kleinflächigen Wechsel zwischen Wald und artenreichen Weiden.

Stark bedroht sind hingegen nährstoffarme und damit artenreiche Weiden in den tieferen Lagen. Sie werden vielfach entweder aufgegeben und verbuschen oder sie werden gedüngt und verlieren damit ihren charakteristischen Reiz. Doch es gibt auch hier noch sehr positive Beispiele:

Beispiele aus dem oberen Allgäu:

Ackerterrassen

Bild: Markus Pingold
Ackerterassen bei Vorderhindelang
An vielen Südhängen lassen sich noch heute deutlich die Terrassen der Ackerwirtschaft erkennen, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts im Allgäu weit verbreitet war. Heute erhöhen diese Ackerterassen die landschaftliche Vielfalt, vielfach wachsen auf den ehemaligen Stufenrainen Hecken.

Beispiele aus dem oberen Allgäu:

Lesesteinwälle und -haufen

Bild: Eva Schneider
Lesesteinmauer bei Obermaiselstein
Um die Weideflächen optimal zu nutzen wurden früher regelmäßig größere Steine von den Weiden entfernt und entweder zu Lesesteinhaufen aufgeschichtet oder - häufiger - zu Mauern aufgebaut, die gleichzeitig eine Eingrenzung der Weidefläche ergaben. Bis heute hat sich die Tradition des Einsammeln von Lesesteinen auf manchen Alpen erhalten. Die Lesesteinstrukturen bilden Lebensraum für trockenheits- und wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten.

Beispiele aus dem oberen Allgäu:

Sonstige

Wer mit offenen Augen durch die Landschaft geht, wird vielfältige weitere Zeugnisse vergangener Nutzungen entdecken, die unsere Landschaft bis heute bereichern. So finden sich am Grünten Grubeneingänge, die den Eisenerzabbau von 16. - 19. Jahrhundert bezeugen. Vielerorts finden sich Wegkreuze, Lehmgruben oder Mühlen, die ebenfalls Zeugnisse historischer Werte und Nutzungen sind.

Beispiele aus dem oberen Allgäu: